Bewegungen für den Alltag neu lernen


k-Dr Rüdiger Buschfort

Foto: R. Buschfort

  

Sechs Fragen an Dr. med. Rüdiger Buschfort; Neurologe, Geriater und Rehabilitations-Wissenschaftler.

 

Dr. Buschfort, Sie haben das Therapiekonzept namens Armlabor entwickelt. Was darf man sich darunter vorstellen und wie profitieren Schlaganfall-Patienten davon?

Rund 80 Prozenten der Schlaganfall-Patienten leiden unter Funktionsstörungen der Arme. Das 2009 patentierte System richtet sich an Menschen mit Armlähmung und ist ein Baustein in der Rehabilitation des Armes. Klinische Studien haben bewiesen, dass das Armlabor in Ergänzung zu konventionellen Therapien große Therapieerfolge erzielt – und dies bei gleichem Personalschlüssel. Mit dem System werden mit einer hohen Intensität Bewegungsabläufe trainiert, die bei konkreten Abläufen im Alltag benötigt werden. Das Armlabor hilft also, Selbständigkeit und Lebensqualität zurück zu erlangen.

Können Sie das Grundprinzip an einem Beispiel verdeutlichen?

Wenn wir zum Beispiel ein Glas greifen und bewegen, muss in den verschiedenen Phasen der Bewegung der Arm nach vorne gestreckt, die Hand geöffnet und wieder geschlossen werden, danach knickt der Arm im Ellenbogen ein, das Handgelenk wird abgekippt, die Hand bewegt und zum Abstellen des Glases wird sie wieder geöffnet.

Wir haben alltägliche Bewegungsabläufe analysiert und Basisbewegungen ermittelt, für die im Armlabor Arbeitsstationen mit vier Schwerpunkten entwickelt wurden. In der ersten Station werden Hand und Finger, in der zweiten Hand und Handgelenk, in der dritten Station Handgelenk und Ellenbogen und in der vierten Phase Ellenbogen und Schulter trainiert.

Wie wird das Armlabor eingesetzt und welche Vorteile bietet es?

Das Armlabor kommt im stationären, teilstationären und immer häufiger auch im ambulanten Bereich zum Einsatz. Einzelne Bewegungen kann der Patient hundert oder tausend Mal wiederholen. Die anfangs isolierten Übungen werden nach und nach zu alltagsnahen Bewegungsmustern kombiniert, die später in der „realen Welt“ dringend benötigt werden.

Nach einer Einweisung durch einen Therapeuten kann der Patient auch selbständig üben. Das ist ein großer Pluspunkt. Wer viel trainiert, verbucht Erfolge. Der Patient übernimmt also Verantwortung und weiß, dass er aktiv werden kann und seinen therapeutischen Fortschritt selbst in der Hand hat. Das spielt eine wichtige psychologische Rolle.

Die Wirkung des Armlabors unterstützen wir übrigens mit ergänzenden Therapien: Dazu zählt zum Beispiel die Arbeit mit Spiegelneuronen. Hierbei wird durch aufmerksame Beobachtung von Bewegungen das Gehirn aktiviert. Dazu kommt der sogenannte Master-Slave-Ansatz – hierbei lernt die gelähmte Seite von der gesunden, indem zum Beispiel linker und rechter Arm gleichzeitig parallel einen Gegenstand bewegen.

Bei unserem Therapieansatz mit dem Armlabor beginnen wir distal – das heißt wir fangen mit Übungen für die Hand an und arbeiten uns dann bis zur Schulter vor. Dieser Ansatz berücksichtigt neueste Erkenntnisse des motorischen Lernens und  bringt nachweislich ein besseres Ergebnis für die Motorik als der von der Schulter zur Hand orientierte Ansatz.

Können Patienten dieses System auch zu Hause nutzen?

Die in der stationären und teilstationären Rehabilitation eingesetzten Geräte sind technisch hoch entwickelt und entsprechend teuer. Wir haben aber ein kleines Hand-/Arm-Trainingsgerät sowie ein Schulungsmanual mit unterschiedlichsten Übungen für zu Hause entwickelt (MOBILAS). Hierdurch ist der Patient auch dort in der Lage, seine Trainingseinheiten für den Arm in eigener Regie und nach den gleichen Therapieprinzipien wie im Armlabor „in die Hand zu nehmen“. Das macht selbstständig und selbstbewusst und zeigt auch, was man heute unter nachhaltiger Rehabilitation versteht. Die endet eben nicht an der Ausgangstür der stationären Rehabilitation, sondern schließt die ambulante Nachsorge mit ein.

Bei der Motivation spielen übrigens Angehörige eine wichtige Rolle. Wir integrieren sie in der Reha bei den Übungen, damit sie die Patienten nach der Rückkehr in den Alltag coachen können. Aber wir sagen auch immer – nicht übertreiben, der Körper braucht Zeit, um Bewegungen neu zu lernen.

Haben Sie eine Vision für das Armlabor?

In den kommenden Jahren möchten wir für die Nachsorge in ambulanten Physio- und Ergotherapeuten-Praxen Schulungen anbieten, damit Patienten in Kleingruppen angeleitet werden und auch mit Übungen für zu Hause versorgt werden können.

Bei der Weiterentwicklung spielen auch neue Medien wie das Smartphone und das Internet eine wichtige Rolle. Wir arbeiten gerade an Übungen für zu Hause, die sich einfach mit Trainings-Apps auf dem Smartphone ins Haus holen lassen und zum Eigentraining animieren; in ersten Feldversuchen mit sehr positiver Resonanz.

Wie können sich Interessierte über das Armlabor informieren?

Informationen finden sich auf unserer Website unter www.reha-works.de. Auf youtube erläutert ein Video das System unter: www.youtube.com/watch?v=y1X24Elz_ZM (oder einfach mit dem Begriff  „Armlabor“ suchen)

Dr. Buschfort, viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit und herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Interview und Text: Gabriele Brähler, brähler communications, Berlin


Antworten

*