Stroke Units – interdisziplinäre Versorgung


 

Foto: B. Quentin

Foto: B. Quentin

Sieben Fragen an Bettina Quentin, Physiotherapeutin im Vivantes Klinikum Spandau, Berlin

 

Frau Quentin, Sie arbeiten seit rund 20 Jahren als Physiotherapeutin in der neurologischen Rehabilitation. Was ist Ihrer Erfahrung nach bei der Behandlung von Schlaganfall-Patienten besonders wichtig?

Patienten mit einem Schlaganfall werden heute zunehmend auf spezialisierten Schlaganfallstationen, den so genannten Stroke Units, behandelt. Hier erhalten sie eine professionelle Therapie, die nicht nur die Überlebenschancen erhöhen, sondern auch die Folgeschäden reduzieren helfen.

Wie ist eine Stroke Unit ausgestattet?

Die Stroke Unit ist eine Akutstation mit in der Regel vier bis acht Betten, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) festgelegt hat. Im Idealfall ist sie einer neurologischen Abteilung angeschlossen, so dass nach einer unmittelbaren schlaganfallspezifischen Diagnose eine Therapie rund um die Uhr durchgeführt werden kann. In der Stroke Unit ist der Patient durchschnittlich eine Woche und wird von einem Team von Spezialisten betreut.

Welche Spezialisten arbeiten in diesem multiprofessionellen Team zusammen?

Neurologen, Internisten und erfahrene Pflegekräfte arbeiten hier Hand in Hand. Ein häufiges Phänomen nach Schlaganfall ist die Spastizität (Verkrampfung von Muskeln. Es sind  in der frühen Phase (ein bis vier Wochen) 4 bis 27 Prozent, in der postakuten Phase (ein bis drei Monaten) 19bis 26,7 Prozent und in der chronischen Phase (länger als drei Monate) 17bis 42,6 Prozent von einer spastischen Muskeltonuserhöhung betroffen (Wissel et.al 2013). So ist es von großer Bedeutung ist es, dass der leitende Arzt über Erfahrung mit Botulinumtoxin verfügt. Damit unmittelbar nach der Akuttherapie mit der Frührehabilitation begonnen werden kann, sind Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Neuropsyhologen mit im Team.

Wie sieht eine frühe Mobilisation aus?

Für eine Stabilisierung des Kreislaufs und damit der Patient langsam Kräfte sammeln kann, sitzt der Betroffene zum Beispiel erst einmal mit Unterstützung von geschultem Person des multiprofessionellen Teams an der Bettkante. Wichtig ist unter anderem,  die gelähmten Körperabschnitte in antispastischen Mustern zu lagern und die spastischen Muskeln zu dehnen und anschließend zu aktivieren.

Welche Rolle spielen Angehörige bei der Rehabilitation?

Angehörige spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie werden bei uns von Anfang an einbezogen. Und sie sind auch sehr oft beim anschließenden Reha-Aufenthalt mit einbezogen in die Therapie. Sie sollten lernen, welche Ziele bei dem Patienten angestrebt werden und dabei helfen, diese zu erreichen. Ein kurzfristiges Ziel kann etwa das selbständige Sitzen des Patienten sein. Stehen mit wenig Hilfe ist möglicherweise ein mittelfristiges Ziel nach Ablauf von sechs Wochen. Langfristig – das heißt innerhalb von sechs Monaten – soll sich der Patienten vielleicht mit Hilfe eines Rollators wieder allein innerhalb der Wohnung bewegen können. Angehörige lernen in der Klinik das individuelle Training mit dem Patienten kennen, das sie später im Alltag möglichst mindestens drei Mal in der Woche durchführen sollen. Sie müssen wissen, welche Bewegungsfolgen und welche Dehnungen  immer wiederholt werden sollten.

Wie erkennen Patienten eine gute Reha-Klinik für Schlaganfall-Patienten?

Gute Reha-Kliniken zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Patienten mehrmals am Tag in Einzeltherapien mit unterschiedlichen Schwerpunkten fördern. Die Therapien sollten individuell mit Alltagsbezug im multiprofessionellen Team gestaltet werden. Je mehr ausschließlich Gruppentherapie angeboten wird, desto weniger profitiert der Patient davon.

Welchen Rat können Sie Angehörigen für den Alltag geben?

Sehr hilfreich ist es, sich eine Selbsthilfegruppe zu suchen. Zum Beispiel im Internet unter www.schlaganfall-hilfe.de. Selbsthilfegruppen geben viele praktische Tipps für den Alltag und sind auch als Gesprächspartner da, wenn der psychische Druck einfach zu groß wird. Ansonsten rate ich Angehörigen, neben der Hilfe für den Schlaganfall-Patienten ihr eigenes Leben nicht zu vergessen und nicht alle Kontakte und Interessen aufzugeben. Auch die Überlegung, selbst psychologischen Rat einzuholen, ist für manchen wichtig, um die eigenen Kräfte zu erhalten.

 

Frau Quentin, viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit und herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Interview und Text: Gabriele Brähler, brähler communications, Berlin

 


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